DIE STÄDTE SIND TOT, ES LEBEN DIE STÄDTE – INTERVIEW MIT OLIVIER RAZEMON

Das Problem der Rolle mittelgroßer Städte in Frankreich ist nicht neu. Bereits 1947 veröffentlichte Jean-François Gravier sein Werk Paris et le désert français, welches sich die Makrozephalie der französischen Hauptstadt zum Thema machte. Heute wiederum kennen wir zahlreiche konkrete Ansätze zur Wiederbelebung von Städten, nicht zuletzt durch die von Rob Hopkins begründete Transition Town-Bewegung. Auch Olivier Razemon hat nun ein Buch herausgebracht, das sich an die weniger düsteren Gemüter richtet: „Wie Frankreich seine Städte getötet hat“. Wer jetzt verwundert ist, sei an ein russisches Sprichwort erinnert, demzufolge ein Pessimist schlicht ein gut informierter Optimist sei.  

Welche Perspektive sollen wir nun also auf unsere Städte einnehmen?

„Wie Frankreich seine Städte getötet hat“ – Das klingt nach einer Anklage. Wer wird hier ins Visier genommen? Die politischen Kräfte?

Olivier Razemon. Bücher, die eine heile Welt beschreiben, helfen niemanden. Der von einer großen Anzahl an Beratern beförderte Diskurs, nach dem die Städte von Morgen wieder voller Leben seien, ist ein falscher und nutzloser. Wir haben in vielerlei Hinsicht mit schwerwiegenden Problemen zu kämpfen, derer sich kaum jemand bewusst ist – vor allem nicht in den Metropolen und in ländlichen Gegenden. Zwar betrifft dieses Phänomen auch einige andere europäische Länder, aber in Frankreich ist es besonders gravierend. Mein Buch erzählt eine traurige Geschichte. Ich habe es geschrieben, um zu warnen und wachzurütteln. Denn ich glaube nicht an große Verschwörungen bestimmter Personen, die für all das verantwortlich gemacht werden könnten – vielmehr trägt jeder von uns mit zu diesen Entwicklungen bei.

Mein Buch erzählt eine traurige Geschichte

Die Großstädte spielen in der internationalen Politikszene eine immer wichtigere Rolle, zu Lasten der Nationalstaaten. Gleichzeitig sind die Provinzen in Schwierigkeiten. Woran liegt das?

O.R. Wir sprechen hier von unterschiedlichen Größenordnungen. Die Städte, um die es in Benjamin Barbers Buch „Was wäre, wenn die Welt von Bürgermeistern regiert würde?“ geht, haben zehn, 20 oder 30 Millionen Einwohner. Es handelt sich dabei um Städte im engsten Sinne des Wortes, mit einer enormen Bevölkerungsdichte und echter politischer Macht. Mittelstädte aber rangieren auf einer anderen Skala. Auf den ersten Blick scheint es ihnen gut zu gehen, nicht zuletzt aufgrund hoher BIP-Werte. Tatsächlich jedoch sind sie ein Objekt territorialer Dislokation, sie leiden unter den Symptomen eines Vakuums. Nehmen wir beispielsweise Vitré: Die 17.000-Einwohner-Stadt wird oft als sich prächtig entwickelnd dargestellt, mit nachhaltigem Wachstum, während sie dennoch mit urbaner Devitalisierung zu kämpfen hat.

Könnte nicht die fabcity-Bewegung, und auch ganz allgemein die Relokalisierung produktiveR Tätigkeiten eine Chance für Mittelstädte sein?

O.R. Ja, das sind Chancen – aber nur, wenn wir uns kollektiv des Problems bewusstwerden. Die Städte verschwinden heute in einem urbanen Magma; in all jenen mit einer Größenordnung von 5 bis 200 000 Einwohnern gibt es leere Schaufenster. Hier kristallisiert sich das verschwindende urbane Leben. Die Wohlhabenden ziehen in die unmittelbaren Vororte und die enorm zunehme Zersiedelung trägt zur Ausbreitung kommerzieller Zentren bei, in denen der Mensch nur in seiner Konsumkapazität begriffen wird.

Einer der Schlüssel zum Verständnis von Stadtentwicklung(en) liegt in der Art und Weise, wie sich Menschen bewegen. Der Ökonom Frédéric Héran erklärt, dass das Ende der Mittelstädte eine transversale und komplexe Angelegenheit sei, kaum wissenschaftlich untersucht und seitens der Forschung de facto auch mit mangelndem Interesse bedacht. Die Lösungen sind nicht alle technisch, im Sinne von vernetzten Städten oder autonomen Fahrzeugen. Abgeordnete und Firmen interessieren sich oft leider nur für Megacities.

Die leeren Schaufenster sind Kristallisationspunkt des verschwindenden Lebens in den Städten

Wie kann ein territorial übergreifendes Kollektiv wiederhergestellt werden? Und was sind die Wirtschaftsmodelle der Zukunft jenseits der Unterscheidung von öffentlich und privat?

O.R. Es handelt sich hier weniger um eine Frage der Größe oder kritischen Masse, sondern es ist die Bevölkerungsdichte, die eine Stadt (aus)macht. Wenn 50.000 Einwohner über ein extrem weites Gebiet verteilt sind, gibt es keine gemeinsame Identität oder Führung. Um das Problem wirklich lösen zu können, müssen wir abstrakte Kategorien verlassen. Was ist denn überhaupt etwas „Gemeinsames“? Genau das ist die zentrale Frage. Um noch einmal auf den Bau eines künftigen Einkaufszentrums zurückzukommen: Ich habe einen Projektbeteiligten gefragt, was er unter „Stadteingang“ verstehe: Wird dieser Komplex nun 100 Meter oder zwei Kilometer vom Marktplatz entfernt errichtet?

Um Städte zu verstehen, muss man sich zu Fuß umherbewegen – das empfehle ich auch den Abgeordneten. Der erste Schritt auf dem Weg zum Gemeinsamen ist, sich der Existenz einer Stadt überhaupt erst einmal bewusst zu werden. Das ganze Paradoxon besteht darin, dass viele Menschen das Stadtzentrum gar nicht kennen, weil sie sich dort nie aufhalten – und sich dennoch damit identifizieren. Orte und öffentliche Veranstaltungen im Stadtzentrum fördern Begegnungen und stellen wieder ein Gefühl von Zusammengehörigkeit her.

Lokale Initiativen sind lobenswert, aber die zentrale Herausforderung ist die Herstellung eines verbindenden Netzwerkes: Wie also kann eine Verselbstständigung gefördert werden?

O.R. Wenn ein Beispiel inspirierend ist und es verdient, repliziert zu werden, wird es auf Forschungskolloquien oft überschwänglich gelobt. Ich habe zahlreiche Orte besucht, die als besondere Erfolgsgeschichten gelten, wie z.B. der Stadtteil Vauban in Freiburg, die Drahtseilbahn in Bozen oder der Stadtteil Vasträ Hamnen in Malmö. Aber diese Art von Initiativen wird weder überall positiv angenommen, noch ist sie bisher ausreichend gut verstanden. Einheimische sagen oft: „Das ist zwar schön und gut, aber bei uns sind die Umstände anders.“ Diesen Satz hört man immer wieder.

Weiterhin lässt sich praktisch überall eine Diskrepanz zwischen den Erwartungen der Händler und den Wünschen der Einwohner ausmachen. Bezeichnend dafür sind die Ergebnisse einer Umfrage in Rouen. Auf die Frage „Wie können die Zentren wieder mit Leben gefüllt werden?“ antworteten 80% der Händler „mehr Parkplätze“, während sich die Bürger für mehr Gehwege sowie weniger Lärm und Verschmutzung aussprachen.

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Die Arbeitsplätze konzentrieren sich in den Grossstädten – allen voran in Paris. Würde die Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommens den Mittelstädten erlauben, wieder zu mehr Aktivität zu finden, weil neue Einwohner hinzuzögen?

O.R. Für die intellektuellen Berufe und deren hohe Dichte in den Metropolen trifft dies zu. Denn eine Stadt ist zuallererst ein Zusammenschluss, der Austausch und Nahrung sicherstellen soll – die Befriedigung von Grundbedürfnissen. Erst dann kommen die kulturellen Aktivitäten wie Theater, Zeitungen, Organisationen und dergleichen. Und in den Metropolen versammelt sich der Bevölkerungsteil, der genau diese Form der Fülle sucht. Nichtsdestotrotz ist ein Anteil der Arbeit nicht delokalisierbar, gering qualifiziert und wenig mechanisiert. Diese Jobs brauchen wir überall. Was das Grundeinkommen angeht: Hier bin ich skeptisch was vorgefertigte Lösungen angeht.

Die Lobby der GroSSvertriebe hat in Ihren Augen einen unheilvollen Einfluss auf die Stadtzentren: Wie können die Bürger auf der lokalen Ebene wieder mehr Mitspracherechte erlangen?

O.R. Die Großvertriebe haben nur ein Ziel: den Konsum zu konzentrieren. Ihr Durchbruch war in den Fünfzigern, weil alle Waren am selben Ort waren, mit niedrigeren oder Mindestpreisen der Angebote. Handel mit niedrigen Kosten ist ihr Hauptargument. Im Übrigen ist es eine Krankheit spezifisch reicher Länder, gegen zu hohe Lebenshaltungskosten anzukämpfen. Produktpreise sind von zentraler Relevanz für die Armen, aber das trifft auf die meisten von uns nicht zu.

Unabhängige Händler werden heute zunehmend von großen Ketten aufgekauft. Die Einkaufszentren verkaufen alles und der etymologische Wandel ist bezeichnend: Sie werden „Herz der Stadt“ oder „Teil der Stadt“ genannt. Diese Räume nützen nur den großen Firmen, werden lediglich für bestimmte Stunden genutzt und sind die restliche Zeit über verschlossen.

Räume mit Einkaufszentren tragen den Titel „Herz der Stadt“ – ein bezeichnender Begriffswandel

Und zu guter Letzt: welche zentrale Botschaft möchten Sie mit Ihrem Buch vermitteln?

O.R. Ich wollte ein Buch schreiben, das der Realität dieses Themas so nah wie möglich kommt. Die Bürgermeister sind sich des Stadtsterbens bewusst – und es ist wichtig, weiter darauf aufmerksam zu machen. Experten fordern allesamt qualitativ hochwertige öffentliche Räume. Doch worum geht es dabei konkret? Um Parkplätze wohl kaum. Genau mit diesen Fragen müssen wir uns beschäftigen um solche Orte wieder zu erschaffen, die ein angenehmes Leben ermöglichen. Mein Buch soll aufrütteln, informieren und Fakten darlegen. Wissenschaftlichen Studien müssen den Platz von Gerüchten, Vermutungen und wahllosen Behauptungen einnehmen.


Photo Credits: Will Ferreira, street art.

Aus dem Französischen übersetzt von Kristina Habdank.