Was Twitter jetzt twittert – die taz hat´s

User wollen sich zusammentun, um Twitter als Genossenschaft zu kaufen

Dieser Artikel wurde ursprünglich auf Englisch im Blog der P2P Foundation veröffentlicht

Unter den Hashtags #WeAreTwitter & #BuyTwitter läuft derzeit eine Kampagne im Internet, um den Internetdienst zu kaufen, der seit Jahren rote Zahlen schreibt. Der Clou: Die interessierten Käufer wollen Twitter als Internet-Genossenschaft aufbauen.

Den Anstoß gab ein Artikel des US-Autors Nathan Schneider im britischen Guardian von Mitte September unter dem Titel „Hier ist mein Plan, um Twitter zu retten: Lasst es uns kaufen.“ Der Medienwissenschaftler an der Bolder University propagiert seit längerem den Aufbau eines „Plattform-Kooperativismus“ als Alternative zu den mächtigen Internetkonzernen im Silicon Valley und ihrem „Plattform-Kapitalismus“. Er war Mitorganisator einer Konferenz im November 2015 in New York, auf der diese Ideen zum ersten Mal von einem breiten internationalen Publikum diskutiert wurden.

„Wie wäre es, wenn wir die Ökonomie von Twitter ändern würden? Wenn die Nutzer sich zusammentun würden, um Twitter selber zu kaufen?“, schreibt er in Anspielung auf die ständigen Kommentare aus der Wall Street, die den Zwitscherdienst als unrentabel hinstellen, weil er nicht schnell genug expandiert und in der Logik des ewigen Wachstumswahn von noch größeren Vögeln aufgekauft werden müsste. Mit Verweis auf die wachsende internationale Bewegung des Plattform-Kooperativismus stellt er dem eine neue Logik entgegen: Die User sollten Twitter besser selbst besitzen.

Nathan Schneider zählt auf, welche organisatorischen Vorschläge es dafür gibt. Armin Steuernagel, Gründer der Baseler Purpose Stiftung und der Berliner Beraterfirma Purpose Funds, schlägt vor, eine Gesellschaft zu gründen und Anteile zu kaufen, die Dividenden ohne Stimmrecht ermöglichen. Damit sollen 20 Prozent der Summe zusammenkommen, die für die Übernahme nötig sind. Der Rest sollte geliehen werden, um den Kauf zu tätigen. Die Stimmrechte sollten im Verhältnis zum Engagement verteilt werden, einschließlich Investoren und Hauptnutzer. Die Hauptkontrolle sollten die Mitarbeiter und aktivsten Nutzer ausüben. Das habe 2014 auch bei Prokon funktioniert, eine Windkraftfirma, die dem Konkurs entging, indem sie zur Genossenschaft umgewandelt wurde.

Ein anderer Vorschlag von Blogger Tom McDonough: Ein Prozent der User – immerhin drei Millionen – kaufen für je 2.300 Dollar Anteile und stimmen gemeinsam für eine Umwandlung in eine Genossenschaft. Im Transformationsprozess werden sie wieder durch einen Mitgliedsbeitrag der Twitter-User ausbezahlt, der im Durchschnitt 10 Dollar pro Jahr betragen sollte. Anstatt einer Firma einen Blankoscheck für den Verkauf ihrer privater Daten auszustellen, würden die Nutzer einen Mitgliedsbeitrag bezahlen.

In den USA wäre es nach dem neuen „Jobs Act“-Gesetz auch möglich, so Nathan Schneider weiter, die Übernahme durch eine breite Crowdfunding-Kampagne zu finanzieren. Selbst die US-Regierung könnte das unterstützen, indem sie Twitter als öffentliche Infrastruktur anerkennt. In ähnlicher Weise wurden seit den 1930er Jahren ländliche Energiegenossenschaften finanziell unterstützt, die heute die Ausbreitung des Breitband-Internets ermöglichen.

In der Folge des Guardian-Artikels hat sich eine internationale Gruppe von Aktivisten und Journalistinnen mit einer Petition an die Öffentlichkeit und an Twitter selbst gewandt. Im dem Text, der in netzpolitik veröffentlicht wurde, heißt es unter anderem: „Du bist ein echt nettes Tool, und deine Zukunft wird mitbestimmen, wie wir mit unseren Freunden in Kontakt bleiben, wie wir etwas von der Welt mitbekommen und wie wir mit Fremden kommunizieren können. Von deiner Zukunft hängt auch ab, was mit all unseren Daten geschieht, die wir Dir anvertraut haben. Wer auch immer Dich kauft, kauft in gewisser Weise uns.“ Deshalb setzt die Gruppe auf die Gründung einer Kooperative und hofft dabei auch auf ein Entgegenkommen von Twitter selbst.

Auch auf dem Entscheidungsfindungstool loomio.org gibt es nun eine Gruppe, die sich unter dem Namen „Buy Twitter“ in dieser Sache organisiert. Und Johnny Haeusler, Blogger und Mitbegründer der Internetkonferenz re:publica, hat ein Google-doc ins Leben gerufen, an dem sich alle Interessierten beteiligen können. Ein Gedankenspiel oder Online-Experiment soll spielerisch die kooperative Inhaberschaft von Twitter entwickeln, sozusagen die Blaupause.

Nathan Schneider weist in seinem Guardian-Artikel darauf hin, dass das kooperative Modell im Grunde eine alte Idee ist. Schon 1923 habe sich der kleine Football-Club Green Bay Packers begonnen, sich an seine Fans zu verkaufen, anstatt sich von Milliardären unterhalten zu lassen. Das habe zu erschwinglichen Preisen in ausverkauften Stadien mit geschmackvoller Werbung geführt: „ein rundherum erfolgreiches, nachhaltiges Geschäftsmodell für Generationen.“

Einen ähnlichen Weg ist bekanntlich auch die „taz“ gegangen. Nach heftigen ökonomischen Krisen in der Anfangszeit stand sie 1991 kurz vor der Pleite. Die Mehrheit der Redaktion wollte sich deshalb an einen Großinvestor verkaufen, der sich aber nicht einfand. Eine Mitarbeiterversammlung entschied dann mehrheitlich, sich in eine Genossenschaft umzuwandeln, die von Lesern und Nutzerinnen getragen werden sollte. Heute zeigt sich, dass das eines der ganz wenigen zukunftsfähigen Modelle für Medien ist. Ähnlich wie der Football-Club ist die Zeitung seit 25 Jahren in Nutzerhand und fährt gut mit diesem #FairPlay. Die taz hat´s, was über Twitter jetzt getwittert wird.

Und man muss nicht weit laufen um Twitter zu kaufen: Gleich hier geht’s zur Petition.

Noch in dieser Woche findet übrigens ein Event genau zu diesem Thema in Berlin statt: Platform Coops – Start Your Own

 


Featured image: Wikipedia