Warum die Kapitalismuskrise gar keine ist

Zunehmende Ungleichheit, globale Erwärmung, steigende Arbeitslosigkeit – alles deutet darauf hin, dass die Art, wie wir Reichtum schaffen und verteilen, eine fundamentale Krise durchlebt: den Kapitalismus. Viele verharren unter diesen Umständen in einer resignativ-abwartenden Haltung und sehnen den großen Tag herbei, der endlich das Ende des Kapitalismus besiegeln möge. Sie betrachten passiv das Spektakel einer in Agonie gefangenen Gesellschaft. Jedoch…

Artikel übersetzt von Kristina Habdank

Auch wenn wir uns in der Tat mit einer Krise konfrontiert sehen, handelt es sich vielleicht nicht so sehr um eine Krise des Kapitalismus an sich – sondern vielmehr um eine Krise seiner Kritiker.

“Bedenke, dass Zeit Geld ist”(1)

Zunehmende Ungleichheit, globale Erwärmung, steigende Arbeitslosigkeit: Unzweifelhafte Kennzeichen eines sich selbst beschleunigenden Akkumulationsmechanismus. Dem Kapitalismus ging es selten so gut.

Wie bereits Max Weber erkannte, ist die Logik der Akkumulation das Grundprinzip des Kapitalismus, angetrieben zunächst durch die protestantische Ethik und die Askese (2), dann durch den so genannten „Wert der Arbeit“. Heute fördert der Finanzmarktkapitalismus diese Logik noch immer und ohne Unterlass. Ihr Gegengewicht wiederum bildet die Kapitalismuskritik: Sie soll Gerechtigkeit fördern und Ungleichheiten in unserer Gesellschaft eindämmen. Ihre Aufgabe ist es, ein Gleichgewicht zwischen Gerechtigkeit und Akkumulation zu gewährleisten.

Keine reibungslosen Kreisläufe

In harten Zeiten wird oft nach Helden Ausschau gehalten. Einem begegnet man gerade häufig: Schumpeter. Sein Phänomen der schöpferischen Zerstörung wird uns retten – noch einmal. Bald werden wir die so lang ersehnte Phase des „Schaffens“ erreichen, die auf jene der „Zerstörung“ folgt. Dies darf jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass sich die Kluft zwischen Wertschöpfung (steigende Tendenz) und Schaffung von Arbeitsplätzen (sinkende Tendenz) weiter vertieft.

 

Productivity_gap

Der Innovation Gap die Trennung von Produktivität und der Generierung von Arbeitsplätzen -schließt sich nicht wieder. Nach Schumpeter ist die Zerstörung der ersten Phase dadurch gekennzeichnet, dass wir zwar das Gleiche tun, dies jedoch effizienter: Die Produktivitätsgewinne boomen. Beispielsweise optimieren wir durch Mitfahrgelegenheiten den Nutzen der bereits bestehenden Infrastruktur. Die zweite Phase ist es dann, welche neue Beschäftigungszweige hervorbringen und so die oben benannte Kluft zwischen Produktivität und Beschäftigung durch deren erneute Verbindung wieder schließen soll.

Gut klingen mag das zwar alles – zu sehen ist davon heute jedoch nichts. Der Unternehmensberatung Roland Berger zufolge waren die Produktivitätsgewinne in den Jahren von 1980 bis 2012 in Frankreich für 64% des industriellen Beschäftigungsabbaus verantwortlich – das macht 1,4 Millionen Arbeitsplätze. Sie spielen damit eine weit bedeutsamere Rolle als die Verlagerung von Wirtschaftsstandorten oder die Stärkung des internationalen Wettbewerbs.

Es gibt also in der Tat ein paar Punkte, die erklären, warum der Durchbruch dieser neuen Industrien noch immer auf sich warten lässt:

  • Digitale Akkulturation: Solange sich beispielsweise unser Metzger in der digitalen Welt noch nicht zu Hause fühlt, wird er auch das „Connected Fleischermesser“ nicht erfinden können.
  • Die Ära der Roboter: Arbeiter werden durch Automatisierung und Algorithmen ersetzt. Es entstehen zwar neue Industriezweige, neue Arbeitsplätze jedoch nicht (ebenso bleibt eine, mit deren Schaffung normalerweise einhergehende, Wertverteilung folglich aus).
  • Der Unterschied zwischen Innovation und Forschung & Entwicklung: Zwar haben unsere Forschungszentren jede Menge neuer Technologien in petto – aber nicht die Technik per se steuert industrielle Entwicklungen. Vielmehr müssen sich neue Technologien konkret an den Bedürfnissen potentieller Nutzer orientieren. Die zentrale Frage lautet also: Wie können sie gewinnbringend in unsere Gesellschaft integriert werden – zumal in Zeiten, in denen die Steve Jobs unter den Akteuren rar gesät sind?
  • Der Mangel an Investitionen in den Produktionsapparat: Hier ist es erforderlich, auf eine immer spezifischere Nachfrage reagieren zu können. Unter solchen Umständen wird die Logik der Akkumulation des Kapitalismus kurzsichtiges Verhalten seitens der Aktionäre fördern und die Ausschüttung von Dividenden erleichtern. Dieses Kapital steht somit langfristigen Investitionen – wie solchen in Forschung und Entwicklung – nicht mehr zur Verfügung. Auch die Chance, den Produktionsapparat auf die neueste Entwicklungsstufe zu heben, verstreicht ungenutzt.

In jedem Fall handelt es sich bei den soeben genannten Aspekten um langfristige Herausforderungen – wohingegen die Transformationen, mit denen wir es aktuell zu tun haben, schnell – sehr schnell sogar – vonstatten gehen. Insbesondere relevant ist hier die Anpassung der kapitalistischen Akkumulationslogik an eine Innovationslücke, die sich nicht schließen wird.

Zwischen Emanzipation und Versklavung

Der Kapitalismus ist in Bewegung. Er wird sich, wie üblich, in neuen Bereichen breitmachen. Man denke allein an die diversen Hobbys, die schnell zu Produkten des Massenkonsums geworden sind. Noch vor nicht allzu langer Zeit galt es eher als seltsam, sein Zimmer an Fremde zu vermieten, wenn man es gerade selbst nicht brauchte. Die Kommodifizierung des privaten Raums ist die letzte Eroberung des Kapitalismus. In mancher Hinsicht kann diese neue Phase als befreiend betrachtet werden, aus anderer Perspektive jedoch auch als eine Art Versklavung. Als emanzipatorisch lässt sich charakterisieren, dass sie uns erlaubt, zusätzliche Einnahmen zu generieren, die es uns wiederum ermöglichen, anderen Aktivitäten nachzugehen. Problematisch und entfremdend ist jedoch dabei: Die aus einer solchen Ökonomisierung resultierende Arbeit ist selten erfüllend.

Sicher, es ist nicht ausnahmslos alles schlecht am Kapitalismus: Er hat unsere Gesellschaften weiterentwickelt und signifikant zur Reduktion von Armut beigetragen. Bis in die 1990er Jahre ist die Armutsquote stetig gesunken, von 1970 bis 1990 ging sie von 13,5% auf 7,4% zurück (3 – Anmerkung für dt. Übersetzung: Zahlen im Text stets auf Frankreich bezogen). Aber seit 1990 nimmt sie wieder zu und die Ungleichheiten immer extremere Ausmaße an (4). Wie ist es dazu gekommen?

Seit den 70er Jahren haben wir eine Schwächung der Kapitalismuskritik (5) beobachten können. Zunächst ist der Linksradikalismus gescheitert, der einen Zustand des Stillstands nicht überwinden konnte: Seine heutige Kapitalismuskritik erscheint jeden Tag archaischer, neue Denkanstöße fehlen. Ähnliches trifft jedoch auch auf jene Bevölkerungsgruppe zu, welche ihm besonders zugewandt ist: die Arbeiterklasse: Machte sie 1962 noch fast 40% der Erwerbstätigen aus, sind es heute nur noch etwas mehr als 20% (6). Ebenso von dieser Entwicklung betroffen sind die Gewerkschaften, welche sich mit einem sinkenden Einfluss sowie einem Rückgang ihrer repräsentativen Macht konfrontiert sehen. Der Klassenkampf als Rezept radikal linker Kritik hat seine Wirkung verloren, der Einfluss der Beteiligten sinkt immer weiter.

Hangover statt „Grand Soir“

Ich glaube nicht daran, dass „der Tag kommen wird“, an den brutalen Sturz des Kapitalismus. Wenn er irgendetwas in den letzten Jahren bewiesen hat, ist es seine erstaunliche Wandelbarkeit und die Fähigkeit, sich an seine Kritiker anzupassen. Das ist es auch, was Luc Boltanski und Laurent Thevenot in ihrem Werk „Von der Rechtfertigung. Eine Soziologie der kritischen Vernunft“ (7) beschreiben: Der Kapitalismus werde auf kritische Stimmen mit einer Erneuerung seines „Geistes“ reagieren, die Grundlage jedoch bleibe dieselbe: auf Privateigentum aufbauende Akkumulation.

Wenn der Kapitalismus jedoch die Elemente seiner Kritiker integriert und sich ständig erneuert, kann der „große Tag“ höchstens Anlass zur Katerstimmung geben. Der Wandel des Kapitalismus kann nur ein langfristiger Prozess sein. Es geht dabei um die Transformation des Produktionssystems durch die Formierung von Alternativen und, vor allem, um eine tiefgreifende kulturelle Veränderung.

Kapitalismuskritik – Auftakt einer grundlegenden Neuordnung

Der Kapitalismus braucht die Kritik wie der Vogel die Luft zum Fliegen – beide können sich nur auf etwas stützen, das ihnen Widerstand leistet (8).

Gleichzeitig ist – eben weil der Kapitalismus seine Kritik durch seine opportunistische Anpassungsfähigkeit stets zu integrieren weiß – gerade die Formierung einer fundierten und machtvollen Kritik die einzige Chance, eine wirkliche Transformation in Gang zu setzen.

Nach Boltanski und Thevenot machen Boltanski und Chiapello in ihrem Werk „Der neue Geist des Kapitalismus“ die Entstehung eines „neuen Geistes“ des Kapitalismus aus, der auf der Kapitalismuskritik der 60er Jahre aufbaut: „Die Qualitäten, welche das Erfolgsrezept dieses neuen Geistes ausmachen – Autonomie, Spontanität, Mobilität, rhizomatische Kapazitäten, umfassende Kompetenzrepertoires (im Gegensatz zur engen Spezialisierung der alten Arbeitsteilung), friedliches Zusammenleben, Offenheit gegenüber anderen und gegenüber Neuem, Verfügbarkeit, Kreativität, visionäre Intuition, Sensibilität für Unterschiede, Bereitschaft zur Auseinandersetzung mit der Vergangenheit und Offenheit gegenüber multiplen Erfahrungen, der Reiz des Informellen und das Streben nach interpersonellen Kontakten – sind direkt dem Repertoire vom Mai 1986 entliehen“(9, Übersetzung KH)

Boltanski, Thevenot und andere unterscheiden dabei zwei Arten der Kritik. Zum einen die Sozialkritik, welche insbesondere die Versklavung der Arbeitskraft durch das Kapital ablehnt und sich für Kompensationsmechanismen einsetzt: Hier finden wir uns auf dem Spielfeld vieler Gewerkschaften wieder (der revolutionäre Syndikalismus ausgenommen). Es wird mit dem Kapitalismus „verhandelt“, um Regelungen durchzusetzen, die zumindest eine gewisse Form von Gerechtigkeit gewährleisten sollen. Die Künstlerkritik hingegen fordert einen Wertewandel durch das Ende der Verbraucher/Produzenten-Dichotomie. Es ist kein Zufall, dass der Fetisch des bedingungslosen Grundeinkommens gerade jetzt eine Verjüngungskur erfährt.

Die digitalen Technologien bringen, teilweise, eine reformierte Kritik mit sich. Dies gilt sowohl hinsichtlich ihrer Ausprägungen mit neuen Mobilisierungshebeln – einschließlich all der zahlreichen Erscheinungsformen von Civi Tech – als auch im Inneren mit dem Versuch, neue Formen der Zusammenarbeit zu fördern. Richard Sennett (10) hat sogar vorgeschlagen, Solidarität durch Zusammenarbeit als Grundwert des politischen Projekts der Linken zu ersetzen. Im Großen und Ganzen birgt die digitale Entwicklung jedoch auch Gefahren, denn sie macht die Kreativität – das zentrale Merkmal der Künstlerkritik – zu einem Katalysator der Akkumulationslogik. Kreative Prozesse in den Unternehmen werden industrialisiert.

Die Kritiker, gleich ob aus sozialer oder künstlerischer Stoßrichtung, scheinen damit wieder einmal von der kapitalistischen Anpassungsfähigkeit ausgetrickst worden zu sein. Gleichzeitig ist eine erneute Annäherung von Produktivitäts- und Beschäftigungsrate kaum zu beobachten, was wiederum die Anhäufungslogik begünstigt und alle Bestrebungen effektiver sozialer Kämpfe im Keim erstickt.

Wie mein Großvater immer zu sagen pflegte: Das Feuer ist ein guter Diener, aber ein schlechter Herr. Dasselbe könnte man über den Kapitalismus sagen.

Unter diesen Bedingungen sind Produktivität und die Schaffung von Arbeitsplätzen dabei, eine Fernbeziehung einzugehen. Doch wenn der Innovation Gap zum Dauerzustand einer post-digitalen Gesellschaft wird, müssen wir die Kritik auf neuen Fundamenten errichten und im besten Falle auch politische Kreativität zeigen. Wie Sébastien Broca geschrieben hat, könnte die Kritik der Aneignung von Informationen – insbesondere durch die Entwicklung von Open Source und das Hinterfragen von digitaler Arbeit  – der Beginn einer in diesem Sinne reformierten Kritik sein.

Es geht nicht darum, die Welt zu verändern – das tut sie ohnehin, ganz egal wie wir uns verhalten. Es geht darum, so zu handeln, dass sie dies nicht weiterhin ohne uns tut.


Notes:

  1. FRANKLIN Benjamin, Conseils nécessaires pour ceux qui voudraient être riches, 1736
  2. WEBER Max, L’éthique protestante et l’esprit du capitalisme
  3. La pauvreté progresse en France : http://www.inegalites.fr/spip.php?article270
  4. PIKETTY Thomas, Le capital au XXIème siècle
  5. BOLTANSKI Luc, CHIAPELLO Eve, Le nouvel esprit du capitalisme
  6. INSEE, “ 50 ans de mutations de l’emploi”, online verfügbar : http://www.insee.fr/fr/themes/document.asp?ref_id=T12F041
  7. BOLTANSKI Luc, THEVENOT Laurent, De la justification, les économies de la grandeur
  8. «Sociologie générale», L’Année sociologique 1/2001 (Vol. 51), p.257-273, URL : www.cairn.info/revue-l-annee-sociologique-2001-1-page-257.htm.
  9. BOLTANSKI Luc, CHIAPELLO Eve, Le nouvel esprit du capitalisme
  10. SENNETT Richard, Ensemble : pour une éthique de la coopération