Sharing Economy in Kinderschuhen

Kollaborativer Konsum – eine Alternative in Kinderschuhen

Zu Anfang seiner medialen Präsenz wurde der Kokonsum als Ausweg aus der Konsumgesellschaft gefeiert und geliebt wie ein Neugeborenes. Der anfängliche Frohsinn ebbt nun ab und der Grundtenor wandelt sich fast ausschließlich hin zur Kritik. Ein kollaborativer Artikel von David Weingartner & Florian Tolkmitt. 

Die Sharing Economy wird vor Allem in Hinblick auf die sozialen Aspekte kritisiert. Erinnert das nicht stark an die Erziehung eines Kindes? Zugegebener Maßen nicht an eine optimale, denn nicht nur die Eltern, sondern die Großeltern, Nachbarn, das ganze Dorf, Land und einfach Jeder möchte miterziehen. Im Grunde weiß es jeder besser als die Eltern (die es hier zugegebener Maßen nicht wirklich gibt). Und auch das kennen wir: Viele wissen es eben nicht, an Kritik wird trotzdem nicht gespart. So wird in letzter Zeit vor allem darüber diskutiert, dass die mühsam erkämpften Arbeiterrechte durch eine neue und schnell wachsende Gruppe von Mikrounternehmern ausgehebelt würden. Rechtsstaatlichkeit würde missachtet und sogar der ganze Begriff des Teilens umgedeutet, während sämtliche Bereiche unseres Lebens nach und nach kommerzialisiert würden.

Erinnern wir uns: Wie lange gibt es schon Tauschringe, Autostopp, die Nachbarschafthilfe, Flohmärkte und unzählige weitere Beispiele? Hatten wir je Angst, die Kontrolle über diese Dinge komplett zu verlieren, ähnlich unseres Nachwuchses im Kindergartenalter? Alle diese Plattformen waren klein, sehr klein; und unbedeutend. Vielleicht haben wir uns sogar gefreut, wenn wir gesehen haben, dass sie sich Schritt für Schritt weiterentwickelt haben. Wenn beim Flohmarkt auf einmal 30 statt 15 Stände waren und es somit eine größere Auswahl gab. Dass es in vielen anderen Städten auch Flohmärkte gab, hat uns nicht interessiert, denn wir haben sie nicht gesehen.

Und dann kam das Internet und weitete unseren Blick. Auch das ist noch gar nicht so lange her. Zwar hat das Internet die Pubertät schon überstanden, einen Blick zurück zu werfen und über unsere eigene Sichtweise nachzudenken, lohnt sich aber. Wie haben wir uns gegen Computer, dann das Internet und zuletzt gegen Smartphones gewehrt? Und jetzt? Wie haben wir unsere eigene Perspektive verändert? Die Nutzung von Kokonsum-Plattformen hat vor noch nicht einmal fünf Jahren begonnen. Zugegebenermaßen hat sie ein rasantes Wachstum hinter sich. Und so ist das ja auch bei Kindern. Zu Beginn wachsen sie schneller als man denkt. Das Hemd ist zu klein geworden und der Schuh drückt. Die Rahmenbedingungen passen nicht mehr und es müssen neue geschaffen werden. Nicht nur in Bezug auf Kleidung, sondern auch die auf das Kind zugeschnittenen Regeln müssen den veränderten Fähigkeiten angepasst werden.

Richten wir den Blick in diesem Sinne nach vorne und betrachten vorhandene Gesetze unter Berücksichtigung der neuen technologischen Möglichkeiten und des Bedarfs an gemeinschaftlicher, kollaborativer Nutzung der uns umgebenden Konsumwelt neu. Wir dürfen nicht vergessen, dass die derzeit zu beobachtenden Entwicklungen unserer Gesellschaft nur einen Spiegel vorhalten. Wer mit dem Finger auf sicherlich diskussionswürdige Zustände zeigt, es aber dabei belässt, macht es sich einfach und nimmt dabei die Gesellschaft aus der Verantwortung. Einzelne Unternehmen als Sündenböcke an den Pranger zu stellen, schießt am Ziel vorbei. Paradoxerweise würden wir die aktuelle Diskussion ohne sie kaum führen, weil wir ihrem rasanten Wachstum die öffentliche Wahrnehmung verdanken.

Der Kokonsum besteht ausschließlich durch die Beteiligung der Gemeinschaft am Handeln und wir sehen deutlich, dass ein Interesse daran besteht.

Es besteht der Wunsch nach einer partizipativeren Wirtschaftsform, in der Bürger sich als gestalterische Kraft begreifen können anstatt als Wirtschaftsakteur auf die bloße Kaufkraft reduziert zu werden.

Es stellt sich die Frage nach deren Umsetzung. Der Kokonsum wächst nun in die kindliche Trotzphase hinein und will Grenzen aufgezeigt bekommen. Eine Laissez-faire Erziehung birgt die Gefahr ungewollter Auswüchse: Aspekte wie Mobilität, Wohnungswesen oder Nachbarschaftshilfe in die Patenschaft profitorientierter Investoren zu stellen, wäre langfristig fahrlässig. Ein streng-autoritärer Erziehungsstil, der jeden Drang nach Entfaltung, Weiterentwicklung und Anpassung schon im Keim erstickt, erscheint ebenso wenig aussichtsreich.

Die gemeinschaftliche Nutzung von Ressourcen birgt erwiesenermaßen enormes Potenzial und muss daher in die Überlegungen zu zukunftsfähigen Wirtschaftsalternativen einbezogen werden. Die Frage ist nicht ob, sondern wie wir das Kind erwachsen werden lassen und welche Unterstützung wir ihm bieten wollen. Ein Reifungsprozess im Sinne des Gemeinwohls stellt einen effektiven Baustein für eine zukunftsfähige Wirtschaft dar und sollte daher das Ziel aller Beteiligten, inklusive des Gesetzgebers sein.

Wie sieht ein kollaborative Zukunft aus, die diesen Namen verdient?

Können wir uns ein Ökosystem vorstellen, in dem die Nutzer gleichzeitig Inhaber von Plattformen sind und somit am geschaffenen Mehrwert partizipieren? Können Plattformen kollaborativ entstehen und betrieben werden? Werden wir uns von einem Ökosystem unter der Hegemonie von Privatunternehmen hin zu gemeinschaftlichem Gut bewegen? Die Anreize zur Nutzung wären andere! Der Nutzer würde mit jeder Aktivität auch für sich selber arbeiten. Können wir sogar soweit gehen, dass öffentliche Einrichtungen die Plattformen zur Verfügung stellen und somit die Harmonie mit gesetzlichen Vorgaben sicherstellen? Auch würde die Kontrolle über städtische Infrastruktur in der Hand der Verwaltung bleiben und damit gegebenenfalls auch die anfallenden Gewinne.

Bei der Anwendung erzieherischer Maßnahmen dürfen wir eines nicht vergessen: Es sind die Freiheiten UND die Grenzen, die zu einer positiven Entwicklung beitragen. Es ist wichtig, dabei die Entwicklung des Kindes Kokonsum zu beobachten und gemeinsam optimale Rahmenbedingungen zu schaffen um uns einer Lösung anzunähern, die im Sinne des Gemeinwohls steht.